Gastvortrag Heimat-Blicke vom Wanderer über dem Nebelmeer bis Winnetou im Sonnenuntergang

  • Termin in der Vergangenheit
  • Montag, 1. Juni 2026, 16:15 - 17:45 Uhr
  • Musikwissenschaftliches Seminar, Hörsaal, Augustinergasse 7, 69117 Heidelberg
    • Prof. Dr. Cordula Grewe (Indiana University Bloomington)

Von Friedrichs Nebelmeer bis zu Karl Mays Sonnenuntergängen untersucht dieser Vortrag, wie deutsche Heimatbilder und Bilder der deutschen Heimat trösten und erheben, erotisieren und rassifizieren, ein- und ausschließen. Zugleich stellt der Vortrag die Frage nach ihrem Potenzial, trotz – oder gerade inmitten – dieser Ambivalenzen ethisch tragfähigere Bild- und Begriffsformen eines möglichen „Wir“ zu imaginieren.

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  • Adresse

    Musikwissenschaftliches Seminar, Hörsaal
    Universität Heidelberg
    Augustinergasse 7
    69117 Heidelberg

  • Veranstaltungstyp

Deutsche Heimatbilder, so die These, sind niemals bloß Bilder von Bindung, Herkunft, Gemeinschaft; sie sind stets auch Prüfsteine: Friedrich prüft, ob die Heimat ihm den Blick auf das Göttliche ermöglicht; wir prüfen, ob Friedrichs erhabener Blick Demut oder Herrschaftsanspruch signalisiert; Hans Thoma prüft, ob ländliche Schönheit als würdiges Motiv für eine Malerei der Moderne möglich ist; wir prüfen, inwieweit seine scheinbar so friedlichen Landschaften auch als Formen antisemitischer, antimoderner Ausgrenzung funktionieren; Karl May prüft, ob Fantasie zu ethischer Freundschaft werden kann oder reine Projektion bleiben muss. Und Winnetou wiederum wird – insbesondere angesichts der homoerotischen, antimaterialistischen Dimension von Mays Geschichten und Sascha Schneiders Buchumschlägen – zum Prüfstein dafür, ob gewählte Verwandtschaftsstrukturen (Stichwort „Blutsbruderschaft“) das Blut-und-Boden-Denken seiner Epoche und späterer Regime verdrängen können, ohne koloniale Aneignung und vererbte Stereotype zu verdecken. 

Vor diesem Hintergrund ist Heimat als zutiefst persönliches Bild zuletzt auch in meine eigene Expedition in die Vergangenheit zurückgekehrt. Auf dem Prüfstand stehen damit Familienbiografie als historische Erkenntnisform und die Reflexion der eigenen Positionalität als wissenschaftliches Verfahren. Aus auslandsdeutscher Perspektive erweisen sich Heimatsehnsucht und Fernweh hier als zwei Seiten derselben Medaille: Je mehr Distanz ich zwischen mich und die alte Heimat zu legen suchte, umso mehr kehrte sie zu mir zurück — nun allerdings in hybrider Form. So endet mein Vortrag wieder in deutschen Landen: bei einem Bild von Heimat als mine yet other.

Zur Person

Cordula Grewe ist Professorin für europäische Kunstgeschichte und Kunsttheorie des 18. bis 21. Jahrhunderts an der Indiana University Bloomington, USA. Ihre Forschung bewegt sich an den Schnittstellen von Ästhetik, Wort und Bild, Bildtheologie sowie Kunst und Politik. International bekannt ist sie vor allem durch ihre Arbeiten zur romantischen Kunst und Kunsttheorie im deutschen, englischen und französischen Raum.