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Paul Celan: In Ägypten (1948)

Der jüdische Lyriker Paul Celan verwebt in seinem Gedicht In Ägypten persönliches Schicksal und biblische Tradition zu einer eindringlichen Reflexion über Verlust und Zugehörigkeit. Heimat erscheint dabei als fragile und schmerzhafte Bewegung zwischen Nähe und Distanz.

Paul Celan wird am 23. November 1920 als Paul Antschel in Czernowitz in der Bukowina (heute Ukraine) geboren. Die Nationalsozialisten drängen Celans jüdische Familie 1941 zunächst in das örtliche Ghetto, später in ein Zwangsarbeitslager. Im Arbeitslager verliert Celan seine Eltern – er selbst überlebt. Nach Kriegsende flieht Celan von Bukarest nach Wien. Auf seiner Flucht entrinnt er um Haaresbreite dem Tod. In den literarischen Zirkeln Wiens gilt er als Sonderling.

Begegnung und Beheimatung

Eine wichtige Person in Celans Leben wird die junge Österreicherin Ingeborg Bachmann – Studentin der Philosophie, angehende Schriftstellerin und Tochter eines Wehrmachtsoffiziers. Celan und Bachmann, der Opfer-Sohn und die Täter-Tochter, verlieben sich ineinander. Am 23. Mai 1948 – nur wenige Tage nach ihrer wohl ersten Begegnung – widmet Celan der 22-jährigen Bachmann sein Gedicht In Ägypten.

Der Titel des Gedichtes ruft Erinnerungen an die Geschichte des Volkes Israel wach: Dem Zeugnis der Hebräischen Bibel nach entsteht Israel als Volk in Ägypten und damit gleichsam im Exil. Auch über seinen Titel hinaus weist das Gedicht Anspielungen auf die Bibel auf: Der Imperativ „Du sollst“ eröffnet neun der elf Versanfänge und erinnert kaum zufällig an die Zehn Gebote, die Mose nach dem Auszug aus Ägypten von Gott erhält. Die Zehn Gebote lassen sich als Leitfaden verstehen, eine Heimat in der Welt zu finden. Gleiches gilt für das neunfache „Du sollst“, das dem lyrischen Du in Celans Gedicht den Weg weist.

Biblische Stimmen der Fremdheit

Eine zentrale Rolle für die Beheimatung des lyrischen Du spielen die drei namentlich genannten Frauen: Ruth, Mirjam und Noëmi. Alle drei Frauen sind biblische Figuren und auf jeweils eigene Weise Fremde. Mirjam, eine Prophetin, stellt die alleinige Autorität des Mose in Frage und wird dafür mit dem Schicksal einer Aussätzigen gestraft. Sie stirbt vor der Ankunft im verheißenen Land und bekommt Israel nie zu Gesicht. Die Bethlehemiterin Noëmi zieht wegen einer Hungersnot im Land gemeinsam mit ihrem Mann in das Nachbarland Moab. Nach dem Ende der Hungersnot kehrt sie in die alte Heimat zurück. Doch ohne ihren inzwischen verstorbenen Mann ist Noëmi ohne Besitz, was ihr die (Re-)Integration in Bethlehem erschwert. Hilfe erfährt Noëmi von ihrer Schwiegertochter Ruth. Die Moabiterin folgt Noëmi nach Bethlehem und nimmt die Nationalität und den Glauben ihrer Schwiegermutter an. Ruth wird so zu einer bedeutenden Ahnfrau Israels – und bleibt als solche zugleich eine Ausländerin.

Erinnern statt Ankommen

Ruth, Mirjam und Noëmi – für Celan sind das keine Fremden. Für Celan stehen die drei Frauen für die Getöteten seines Volkes. Die Fremde – das ist für Celan Ingeborg Bachmann, die Nicht-Jüdin und Täter-Tochter. Ausgerechnet das Auge dieser Fremden soll das Medium sein, das ein Erinnern an die Ermordeten der Shoah ermöglicht. Und ausgerechnet die schmerzhafte Erinnerung an Ruth, Mirjam und Noëmi soll der Schmuck sein, der die fremde Geliebte ziert. Der Abgrund der Shoah, der Celan und Bachmann trennt, kann nicht zugeschüttet werden. Vielmehr soll gerade er zum Lebensgrund ihrer Beziehung werden. Für die gerade erst 22-jährige Bachmann ist das sicherlich unbequem, schmerzhaft und vielleicht auch verstörend.

Das Schreiben, mit dem Celan In Ägypten an sie schickt, eröffnet den Briefwechsel der beiden. Die knapp 20 Jahre anhaltende Korrespondenz oszilliert fortwährend zwischen emotionaler Nähe und Distanz. Statt zu einer dauerhaften Liebesbeziehung kommt es zu einer fragilen Freundschaft. Der Abgrund, den Celan mit In Ägypten aufreißt, erweist sich als unüberwindbarer Graben. Und doch bleiben Celan und Bachmann zeitlebens aneinandergebunden. Ihre literarischen Werke verweisen in vielfältiger Form aufeinander. Als Celan 1970 verstirbt, lässt ihn Bachmann in ihrem Roman Malina als „den Fremden in dem schwarzen Mantel“ weiterleben.

Eine Heimat im Dazwischen 

In der Geschichte von Paul Celan und Ingeborg Bachmann kreuzen sich persönliche Lebensgeschichten, dichterisches Sprechen und biblische Tradition. Heimat erscheint dabei weder als sicherer Ort noch als erreichbares Ziel. Sie ist zerrissen zwischen Erinnerung und Verlust, zwischen Nähe und unüberbrückbarer Distanz. Was bleibt, ist eine Heimat im Dazwischen: eine Bindung im Wort, im Schreiben und im Erinnern.

Heidelberg, Mai 2026
Daniel Seifert, TP A02

Im Text verwendete Quellen

Ingeborg Bachmann, Malina. Text und Kommentar, Frankfurt a. M. 2004.
Tobias Heinrich, Ingeborg Bachmann and Paul Celan: The Fragility of Friendship in the Shadow of the Shoah, Oxford German Studies 54/3 (2025), 408–431.
Andrea Stoll, Ingeborg Bachmann. Der dunkle Glanz der Freiheit, München 2013.

Paul Celan: In Ägypten

Du sollst zum Aug der Fremden sagen: Sei das Wasser.
Du sollst, die du im Wasser weißt, im Aug der Fremden suchen.
Du sollst sie rufen aus dem Wasser: Ruth! Noëmi! Mirjam!
Du sollst sie schmücken, wenn du bei der Fremden liegst.
Du sollst sie schmücken mit dem Wolkenhaar der Fremden.
Du sollst zu Ruth und Mirjam und Noëmi sagen:
Seht, ich schlaf bei ihr!
Du sollst die Fremde neben dir am schönsten schmücken.
Du sollst sie schmücken mit dem Schmerz um Ruth, um Mirjam und Noëmi.
Du sollst zur Fremden sagen:
Sieh, ich schlief bei diesen!

 

Quelle:
Paul Celan, Die Gedichte. Kommentierte Gesamtausgabe in einem Band. Herausgegeben und kommentiert von Barbara Wiedemann, Frankfurt a. M. 2003.