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Heimat ist, wo deine Sparkasse ist! Ein Brettspiel für Heimatkunde(n)

Das Brettspiel "Durch unsere bayerische Heimat" zeigt, wie Spielwaren zu Werbe- und Bildungszwecken auf Heimatvorstellungen zurückgreifen.

von Joachim Brenner, TP C02

Heimat – Kindheit – Materialität

Was ist überhaupt ein Heimat-Artefakt? Kann das nicht alles sein? Ist Heimat nicht eine höchst individuelle Sinnzuschreibung? Ob Wohnhaus, Familienerbstück oder Lieblingsessen und sein Duft – sie alle können mit Heimat verbunden werden. Zugleich fungiert Heimat als kollektiver Bezugspunkt, lässt sich doch eine wie auch immer geartete Form der Verbundenheit und Zugehörigkeit nicht solitär ableiten.

Eine Annäherung an die verschiedenen Dimensionen von „Heimat“ und deren Materialität kann die kindheitshistorische Perspektive leisten. Ideen- und kulturgeschichtlich besteht eine lange Traditionslinie von „Heimat“ und „Kindheit“. Im Deutschen definierte einst Ernst Bloch prominent „Heimat“ als einen mit der Kindheit verbundenen Sehnsuchtsort (Bloch 1959:1628) und auf „Heimat“ angesprochen assoziieren nicht wenige Menschen Momente ihres Aufwachsens oder gar den Geburtsort. Kindheit wird hier als die erste Phase der Orientierung und des Vertraut-Werdens mit der Welt im Sinne von „Beheimatung“ verstanden (Nees 2013). Materialität ist hierfür zentral. Gerade im Kindesalter will die Umgebung im ursprünglichen Wortsinn „be-griffen“ und „er-fasst“ werden – „Beheimatung“ ist so nicht ohne Gegenstände und deren haptische Aneignung zu verstehen. 

Extensionale und intentionale Heimat-Artefakte 

Im Folgenden wird vorgeschlagen, zwischen extensionalen und intentionalen Heimat-Artefakten zu unterscheiden. Erstere beziehen ihre Heimatkonnotation durch individuelle Zuschreibung von außen, letzteren wird der Heimat-Bezug bereits durch die Herstellung eingeschrieben, sie vertreten offensiv den Anspruch „Heimat“ zu verkörpern. Einerseits eignen sich Kinder selbständig Gegenstände an, zweckentfremden sie, schreiben ihnen eigene Bedeutung zu, schaffen Kultur und beheimaten sich aktiv. Der tiefere Sinnzusammenhang und emotionale Wert extensionaler Heimat-Artefakte von Kindern, etwa einer Glasscherbensammlung, eines selbstgebastelten Spielzeugs oder eines völlig zerzausten, doch innig geliebten Kuscheltiers mag der Erwachsenen-Perspektive bisweilen verborgen bleiben. Anderseits existiert eine stetig expandierende, von Erwachsenen für Kinder geschaffene materielle Kultur, etwa in Form von Spielwaren oder Literatur (weiterführend: Fuhs 2014). Heimat tritt hier wiederholt als ein gesellschaftlich vorgeformtes Konzept auf, dessen Bedeutung und Wert nicht selbsterklärend sind, sondern gerade Kindern zuerst vermittelt werden soll. Für Kinder konzipierte intensionale Heimat-Artefakte gehen meist mit einem Bildungs- und Erziehungsanspruch einher. Prominentestes Beispiel ist das Schulfach „Heimatkunde“. Doch auch Spielwaren, insbesondere Brettspiele erweisen sich für die Erforschung historischer Heimatbilder und deren Einsatz für Erziehungsziele und Werbestrategien als aufschlussreich. Als Beispiel hierfür dient im Folgenden das Brettspiel „Durch unsere bayerische Heimat“. 

Durch unsere bayerische Heimat – touristisch-traditionelles Heimatbild

Bei „Durch unsere bayerische Heimat“ handelt es sich um ein klassisches Reise- beziehungsweise Rundlaufspiel für 2-7 Spieler aus dem Jahr 1963 (Sparkasse:1963). Wie für das Genre typisch, kommt es ohne komplizierte Regeln aus, was es für „Jung und Alt“ attraktiv macht. Ausgestattet mit Spielfigur und Würfel gilt es möglichst schnell den Spielplan zu durchqueren. Zum Start muss eine Sechs gewürfelt werden, werfen anderer Spielfiguren ist nicht erlaubt. Landet man auf einem Ereignisfeld, ist der jeweilige Effekt abzulesen. Lediglich durch Spielgeld (Mark) wird der klassische Spielmechanismus erweitert.

Zu sehen ist die bunte Verpackung und der Spielplan des Brettspiels „Durch unsere bayerische Heimat“

Das Spiel besticht in erster Linie durch seine aufwendige und visuell ansprechend Gestaltung. Im Sinne einer spielerischen Heimatkunde werden über Symbole, Spielelemente und Erläuterungen verschiedene Aspekte Bayerns vorgestellt. Der einem Wimmelbild gleichende Spielplan zeigt eine Landkarte Bayerns, aufgeteilt in seine sieben Regierungsbezirke, die zugleich die Spielerzahl vorgeben. Jeder beginnt seine Reise auf einem Stadtwappen der sieben Hauptstädte und muss versuchen, die verbleibenden sechs zu besuchen, die Route darf frei gewählt werden. Auf dem Weg sind zahlreiche andere Städte, Natur- und Kulturdenkmäler –insbesondere Kirchen und Schlösser, Wälder und Berge – dargestellt. Ebenso finden sich heimische Tiere und Pflanzen.  

Der Naturschutz ist auf der Wanderung prominent vertreten: Wer ein Feuer zu nah am Wald entfacht, muss eine Strafe entrichten, wer hingegen dem Förster bei der Versorgung des Wilds hilft oder der Bergwacht das illegale Pflücken von Edelweiß meldet, erhält eine Belohnung und darf vorrücken. Die Bewohner Bayerns werden überwiegend in Tracht dargestellt und auch die Spielfiguren sind vergeschlechtlicht: Neben vier Männlein, ausgestattet mit Hut und Mantel, stehen drei weibliche Spielfiguren mit verschiedenfarbigen Kleidern zur Auswahl. 

Zu sehen sind die Spielfiguren des Spiels „Durch unsere bayerische Heimat“

Wenn Menschen bei der Arbeit gezeigt werden, dann vorrangig in der Landwirtschaft oder im Handwerk. Städte werden zwar durch ihre Industrieprodukte repräsentiert, etwa Nürnberg durch Spielzeug oder Selb durch Porzellan, Fabriken oder Arbeiter fehlen hingegen vollständig. Insgesamt durchzieht das Spiel ein klischeehaftes touristisch-traditionelles Heimatbild von Bayern als naturverbundenem Wanderparadies und in Brauchtum und Religion gründender Region. Hinzu kommen kulinarische und historisch-kulturelle Bezüge. Als Wegmarken müssen in den sieben Hauptstädten kleine Postkarten mit den jeweiligen Wahrzeichen erworben werden. Beim Hinwegziehen über sie und andere ausgewählte Städte müssen die Spieler übernachten und sich verpflegen. Eine Übernachtung in München samt Oktoberfestbesuch schlägt dabei stärker ins Kontor als Aufenthalt in Jugendherberge und Fränkische Wurst in Ansbach. Weiter besteht in Städten die Möglichkeit, für 50 Pfennig eine Eintrittskarte für eine „Besichtigung“, etwa des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg oder der römischen Sammlung in Kempten, zu erwerben, sowie für 2 Mark eine „Veranstaltung“ zu besuchen. Diesen liegt jedoch ein äußerst bildungsbürgerlicher Kulturbegriff zu Grunde. Zur Auswahl stehen Theater, Oper, Ballett oder Klassik-Konzerte von Mozart über Bach bis hin zu den Richard-Wagner-Festspielen in Bayreuth. Sportveranstaltungen, wie etwa der Anfang der 1960er Jahre teils immer noch als proletarisches Vergnügen argwöhnisch betrachtete Fußball, sucht man im Bayern-Spiel vergeblich. 

Das Sparbuch als Tor zur Heimat 

Werden insoweit für die 1950er und frühen 1960er Jahre typische romantisch-vorindustrielle Heimatbilder bemüht, erfahren diese durch die Einführung von Spielgeld eine innovative Erweiterung. Denn das Geld bildet das eigentliche Movens des Spiels. Dies unterstreicht bereits ein der Spielanleitung vorangestelltes Zitat von Wilhelm Busch: „Froh schlägt das Herz im Reisekittel, vorausgesetzt man hat die Mittel“ (ebd. Spielanleitung). Nur mit Geld lassen sich Städte, Museen oder Konzerte besuchen, die für den Sieg wichtigen Postkarten erwerben und negative Ereignisfelder überschreiten. Geld wird konstitutiv für die Aneignung von Heimat. Soll Heimat zur erfahrbaren Realität werden, muss sie selbst erlebt und durchreist werden, wozu es des Geldes bedarf, denn „[s]ein Besitz macht uns frei und unabhängig […] Wenn wir immer etwas weniger im Leben ausgeben, als wir einnehmen, kommen wir weiter und können uns auch größere Dinge leisten, wie z. B. eine Reise durch unsere bayerische Heimat“ – erklärt die Spielanleitung (ebd.). 

Zu sehen sind die Spielutensilien des Spiels „Durch unsere bayerische Heimat“

Die prominente Rolle des Geldes und des Sparens sind nicht zufällig: Handelt es sich bei „Durch unsere bayerische Heimat“ doch um ein Werbespiel des Bayerischen Sparkassen- und Giroverbandes. Die Sparkasse, die einfachen Zugang und sichere Aufbewahrung von Geld gewährt, wird im Spiel zum Garanten von Heimat. So gibt die „heimische Sparkasse“ zu Spielbeginn jedem Spieler ein Startguthaben in Form von Bargeld (20 Mark in Münzen und Scheinen), einen Reisecheck (50 Mark) und Giralgeld in Form eines kleinen roten Sparbuches (Guthaben 100 Mark) aus. Da sich auf jedem Feld des Spielplans eine Sparkasse befindet, lassen sich Guthaben problemlos konvertieren. Verwendung und ordentliche Führung des Sparbuches sind dabei empfohlen, denn Bargeld kann verloren gehen, verliert man jedoch sein Sparbuch genügt ein Anruf bei der „heimischen Sparkasse“, um das Konto zu sperren und ein neues Büchlein ausgestellt zu bekommen. Das Spiel verknüpft so Heimatkunde mit Finanzwissen und Kundenbindung. Es warnt vor freiem Kapitalmarkt, privaten Geldvermittlern und betrügerischen Wechselgeschäften. Die seriöseste und sicherste Finanzierung – etwa ein Bausparvertrag – biete die lokale Kreissparkasse: „sie gibt jedem uneigennützig Rat und Auskunft, denn sie ist ein gemeinnütziges Geldinstitut“ (ebd.). Im Spiel steht die Sparkasse für Sicherheit, persönliche Betreuung, Gemeinwohlorientierung, regionale Verankerung und ermöglicht die Reise durch die Heimat. Heimat ist insofern nicht nur ein Ort von Natur und Kultur, sondern auch immer dort, wo die Kreisparkasse ist. Dies greift auch das Spielziel auf: Es gewinnt nicht automatischer der Schnellste, sondern unter den ersten drei Spielern derjenige mit dem meisten Geld. Eintrittskarten für Besichtigungen und Veranstaltungen werden in doppelter Höhe rückvergütet. Da freiwilliges Aussetzen pro Runde das Sparguthaben um 5 Mark erhöht, gewinnt derjenige, der zwar schnell, aber sparsam ins Ziel gelangt und dennoch am meisten von der Heimat gesehen hat. 

Zeitgeschichte im Brettspiel

In dieser touristisch-kapitalistischen Variante erfährt der Heimatbegriff eine Öffnung. Heimat ist hier nichts Exklusives für die Bayern – über die Sparkasse steht sie auch allen anderen Kunden offen, so wie die Bayern mithilfe ihrer Sparkasse sich andere Bundesländer und insbesondere das Ausland erschließen können. Das Brettspiel spiegelt so einen Teil bundesdeutscher Zeitgeschichte wider: Sparguthaben und Reiseschecks für Reisen reflektieren gesteigerten Wohlstand (sog. „Wirtschaftswunder“) und damit einhergehende Freizeit- und Konsumkultur der 1950er und 1960er Jahre. Ermöglicht wird dies durch einen sozialstaatlich flankierten Kapitalismus (sog. „soziale Markwirtschaft“), in den sich die Kreisparkassen als öffentlich-rechtliche Kreditinstitute einreihen. Auch die flächendeckende Einführung des Girokontos für Privatkunden in den späten 1950er Jahren wird aufgegriffen, wenn es in der Spielanleitung heißt, dass ein Girokonto zu jedem „modernen Menschen“ gehöre. Heimat avancierte zu einer zentralen Werbestrategie der Sparkassen. Beim Brettspiel handelt es sich um eine für Kinder gedachte Adaption eines gleichnamigen, ebenfalls vom Bayerischen Sparkassen- und Giroverband herausgegebenen Heimatbuches. Gewidmet war es allen Freunden „in der bayerischen Heimat, im deutschen Vaterland und in allen Teilen der Welt“, um die Verbundenheit der Bank „in guten und schlechten Zeiten“ zu unterstreichen und um Wissen und Liebe zur Heimat zu vertiefen (Gerndt, 1963: Vorwort).

Ob diese Absicht verfing, lässt sich aus dem Artefakt selbst nicht mehr rekonstruieren. Auflagenstärke, Verkaufspreis oder zusätzliche Begleitüberlieferungen sind nicht bekannt. Wahrscheinlich wurde es als Werbegeschenk, etwa zum Weltspartag, an besonders eifrige junge Sparer ausgegeben. Ob aus dem intensionalen auch ein extensionales s Heimat-Artefakt wurde, also ob Spiel und Spielen auch persönlich mit Heimat assoziiert wurde, darf jedoch bezweifelt werden: Zumindest die in den kleinen Sparbüchern notierten Spielstände deuten lediglich auf ein bis zwei, maximal drei Runden hin. Allzu oft scheint „Durch unsere bayerische Heimat“ wohl nicht gespielt worden zu sein.

Quellenverzeichnis:

  • Bayerischer Sparkassen- und Giroverband (Hrsg..): Durch unsere bayerische Heimat, München 1963, (Deutsches Spielearchiv Nürnberg, Inv. Nr.: 10286).
  • Gerndt, Sigmar: Unsere bayerische Heimat, hrsg. v. Bayerischen Sparkassen- und Giroverband, München 31963.

Literaturverzeichnis: 

  • Bloch, Ernst: Das Prinzip Hoffnung, Bd. 3, Frankfurt a. M., 1959.
  • Nees, Albin: Kindheit als Heimat, in: Heimatschichten. Anthropologische Grundlegung eines Weltverhältnisses, hrsg. v. Klose, Joachim, Wiesbaden 2013, S. 305-310.
  • Fuhs, Burkhard: Der Zauber der Dinge in der Kindheit. Materielle Kinderkultur im Kontext von Sach- und Erinnerungsforschung, in: Kinder und Dinge. Dingwelten zwischen Kinderzimmer und FabLabs, hrsg. v. Schachtner, Christina (Kultur- und Medientheorie), Berlin 2014.

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Kommentar von Malin Martin, TP C01

Joachim Brenner schlägt in seinem Blogbeitrag aus kindheitsgeschichtlicher Perspektive eine Differenzierung zwischen bereits im Produktionskontext aufgeladenen intentionalen und durch die Kinder selbst mit Bedeutung versehenen extensionalen Heimatobjekten vor. Dadurch geraten die Akteur:innen und ihre Motive in den Fokus. Dieser Ansatz ist interdisziplinär anschlussfähig und erscheint auch für die Auseinandersetzung mit Heimat(en) im Museum gewinnbringend. In Stadt-, Regional- und Heimatmuseen finden sich in der Regel sowohl Objekte, denen die Verknüpfung von lokalen Bezügen mit kollektiver Identität und Zugehörigkeit bereits materiell eingeschrieben ist, als auch Dinge, die erst nachträglich heimatlich aufgeladen wurden. Durch ihre Platzierung im Museum treten beide Objektgruppen den Besuchenden als heimatlich eingeordnet entgegen: Als Museumsdinge sind sie intentionale Heimatobjekte. Wo und weshalb die Bedeutungsaufladung der Objekte ihren Ursprung hat, ist gleichwohl nicht immer unmittelbar nachzuvollziehen: Sind die Objekte im Museum, weil sie kollektiv mit (regionaler/lokaler) Identität und Zugehörigkeit verknüpft werden? Oder bestimmt die Auswahl der Museumsmachenden, die mit ihren Sammlungen und Ausstellungen eine materielle Heimat-Collage formen, welchen Objekten wir Heimatwert zuschreiben? Die im Blogbeitrag am Sparkassen-Spiel „Durch unsere Bayerische Heimat“ aufgeworfene Frage, von wem und zu welchem Zweck Artefakte heimatlich aufgeladen werden, ist unbedingt auch in Bezug auf Ausstellungsobjekte zu stellen.