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Ursula K. Le Guin: Initiationslied der Findehütte (1985)

In die Ferne ziehen, um in der Heimat seinen Platz zu finden: Dieser scheinbare Widerspruch ist Thema dieses Gedichts, das sich als rituelles Lied der Kesh ausgibt.

Die Kesh, eine fiktive Gesellschaft, die laut Ursula K. Le Guin in ferner Zukunft in Kalifornien „gelebt haben werden“, bleiben gern unter sich. In ihren Dörfern im Napa Valley betreiben sie Ackerbau und halten Tiere. Aber nur wenige unter ihnen verspüren den Drang, in die Wildnis oder zu den fremden Menschen jenseits davon vorzudringen. Für diese wenigen hingegen ist die Findehütte der richtige Ort. Während Menschen und Tiere je einem der „fünf Häuser der Erde“ angehören – große, matrilineale Verwandtschaftsgruppen, die in jedem Dorf vertreten sind – sind viele Tätigkeiten in „Hütten“ organisiert. Diese Verbände dienen der Weitergabe von Wissen wie auch der Praxis selbst. Es gibt Hütten für Heiler*innen, Pflanzer*innen, Archivar*innen usw., und eben auch für Finder*innen. Die Finder*innen erkunden die Welt jenseits des Tals, aber verbleiben sollen sie dort nicht: Jede Reise ist nur das Vorspiel einer Heimkehr. Die Heimat ist nie verloren, und die Reisen sind nicht erzwungen. Die Finder*innen verlassen das Tal nicht, weil sie die Nase voll haben, und sie kehren nicht reumütig und geschlagen zurück. Auch sollen sie sich nicht vor der Fremde fürchten oder sich dort unbehaust fühlen: Die Fremde ist der Ort, an dem sie ihre Neugier stillen können. In der Findehütte sagen sie ihren Neulingen: Es ist gut, dass es das Fremde gibt, die Welt soll bitte reich und unerschöpflich sein. Aber kommt immer wieder nachhause. 

Die Heimat der Kindheit

„Die Wissenschaft in meiner Science Fiction ist die Ethnologie“, pflegte Ursula K. Le Guin (1929-2018) zu sagen und verwies auf ihre Eltern, die beide vom Fach waren: Alfred Kroeber, einer der wichtigsten US-amerikanischen Ethnologen seiner Generation, und Theodora Kroeber, die mit der Biographie des letzten Überlebenden einer indigenen Gruppe in Kalifornien einen Klassiker geschrieben hatte. Die Indigenen Amerikas bildeten einen wichtigen Bezugspunkt für Le Guins umfangsreichsten und kühnsten Roman, „Always coming home“ (1985, dt: „Immer nach Hause“) – eine Sammlung ethnographischer Texte zu den Kesh: Erzählungen, Gedichte, Lieder, Dramen, gesammelt und mit Erläuterungen versehen von einer Ethnologin unserer Zeit. Exil und Heimkehr zählen zu den wiederkehrenden Themen in Le Guins Schaffen, und in diesem Roman sind sie auf subtile und vielschichtige Weise präsent. Das Napa Valley verbindet die Heimat der Kindheit mit der Heimat, die es noch nicht gibt. Alfred Kroeber besaß dort einen Hof, in dem die Familie die Sommer verbrachte und Freunde bewirtete, darunter viele Indigene. Dort hatte Ursula am häufigsten Kontakt zu den Menschen, denen ihr Vater sein Lebenswerk widmete. Erst als die Konzipierung ihres Romans bereits fortgeschritten war, wurde Le Guin klar, dass der geeignete Schauplatz dafür ein Ort ihrer Heimat sein musste. So schloss sich der Kreis.

Die Heimat der Zukunft

Die Kesh sind das Modell einer Gesellschaft, in der es wert ist zu leben. Sie sind keine Utopie im herkömmlichen Sinn, eine „optimale Gesellschaft“, in der glückliche Menschen einem System fixer Regeln folgen. Auch unter den Kesh gibt es solche, die nicht mitmachen, die Fehler haben, es gibt Gewalt und Hass – aber die Gesellschaft ist so angelegt, dass sie keinen großen Schaden anrichten können. Institutionalisierte Herrschaft gibt es nicht. Frauen gelten etwas mehr als Männer, und Tiere sind Mitglieder der Gesellschaft, auch wenn sie gelegentlich gegessen werden. Kriege sind Ereignisse, von denen sich erzählen lässt, ohne dass sie zu einem historischen Bewusstsein führen. Die Kesh haben Zugang zu Technologie – auf dem ganzen Kontinent gibt es Terminals eines sich selbst erhaltenden Computernetzwerks – aber sie benötigen davon nur wenig. Die Kesh bieten Heimat an: keine Blaupause für das Glück, die sich leicht an jedem beliebigen Ort nachbauen ließe, sondern einen ganz spezifischen Ort, an dem eine ganz spezifische Lebensweise möglich ist. „Always coming home“ zeigt – wie überhaupt gute Science Fiction und gute Ethnologie – einen Raum von Möglichkeiten, auf die wir sonst nicht kommen würden.

Das Initiationslied der Findehütte macht viele Ebenen von Heimat fassbar: die Heimat, die für die Kesh ihr Tal, ihre Verwandten und ihre Tiere darstellen; und die Heimat der Imagination, das Angebot Le Guins, in den Kesh eine Heimat der Menschlichkeit zu erblicken. Das Ferne ins Nahe zu bringen, das Fremde zum Teil der Heimat zu machen, ist kein Widerspruch. Aber auch die Kesh „werden gelebt haben“ – auch sie sind nur eine von vielen Gesellschaften, die auf der Erde kommen und gehen. Le Guin will zeigen: Die fortwährenden Experimente, die Menschen anstellen, um Arten des Zusammenlebens zu finden, können auch gelingen. 

Heidelberg, Juni 2026
Guido Sprenger, TP B03

Quellen:

Le Guin, Ursula K.: Always coming home. Author’s Expanded Edition. Ed. By Brian Attebery. New York: Library of America, 2019, S. 472. 
Deutsch: Immer nach Hause. Deutsch von Matthias Fersterer, Karen Nölle & Helmut W. Pesch. Carcosa Verlag, 2023. 

Ursula K. Le Guin: Initiation Song from the Finder's Lodge

Please bring strange things.
Please come bringing new things.
Let very old things come into your hands. 
Let what you do not know come into your eyes. 
Let desert sand harden your feet. 
Let the arch of your feet be the mountains. 
Let the paths of your fingertips be your maps
And the ways you go be the lines on your palm. 
Let there be deep snow in your inbreathing
And your outbreath be the shining of ice. 
May your mouth contain the shape of strange words. 
May you smell food cooking that you have not eaten. 
May the spring of a foreign river be your navel. 
May your soul be at home where there are no houses. 
Walk carefully, well loved one, 
Walk mindfully, well loved one, 
Walk fearlessly, well loved one.
Return with us, return to us, 
Be always coming home. 

 

Initiationslied der Findehütte (dt.)

Bitte bring seltsame Dinge mit. 
Bitte komm mit neuen Dingen wieder. 
Lass ganz alte Dinge in deine Hände kommen. 
Lass dir Unbekanntes in deine Augen kommen. 
Lass Wüstensand deine Fußsohlen härten. 
Lass deine Fußgewölbe Berge sein. 
Lass die Pfade deiner Fingerkuppen deine Landkarten sein 
und die Wege, die du gehst, deine Handlinien. 
Lass dichten Schnee dein Einatmen sein 
und dein Ausatmen funkelndes Eis. 
Möge dein Mund die Formen fremder Wörter erfassen. 
Möge deine Nase auf dem Herd unbekanntes Essen riechen. 
Möge die Quelle eines fremden Flusses dein Nabel sein. 
Möge deine Seele dort zuhause sein, wo es keine Häuser gibt.
Geh mit Acht, geliebtes Wesen, 
geh mit Bedacht, geliebtes Wesen,
geh ohne Furcht, geliebtes Wesen. 
Kehr zurück mit uns, kehre zurück zu uns,
immer nach Hause.