This page is only available in German.

Kondensierte Heimat: Das Heilige Land in mittelalterlichen Staurotheken

von Nikolas Jaspert, TP A04

Die Marienkirche der zentralkatalanischen Ortschaft Anglesola birgt ein Artefakt, das aufs Engste mit der Geschichte der Dorfgemeinschaft verwoben ist. Dabei handelt es sich um ein 18,5 Zentimeter hohes und 10 Zentimeter breites Kreuz in ungewöhnlicher Gestalt, denn es weist nicht einen, sondern zwei Querbalken auf. Es wurde geschaffen, um eine sehr spezielle Reliquie aufzunehmen: ein kleines Holzpartikel des Kreuzes, an dem Jesus Christus gestorben sein soll (Jaspert 1999; Español 2015). Solche doppelkreuzförmigen Reliquienbehälter (Reliquiare) werden als Staurotheken bezeichnet. Sie sind weit mehr als von Menschen bearbeitete Gegenstände, Artefakte im engeren Sinne: Staurotheken sind archetypische „kulturelle Artefakte“ (cultural artefacts), also Gegenstände, denen bereits zur Zeit ihrer Entstehung Symbolkraft und kulturelle Agency zukommen sollte (Heid 2001; Toussaint 2010; Reudenbach und Toussaint 2011).

Heimatbildung im Vollzug

Das Artefakt aus Anglesola ist als La Vera Creu, als „das Wahre Kreuz“, bekannt. In den Augen der Dorfbewohner verdinglicht es wie kein anderer Gegenstand ihren Heimatort. Die Verbindung zwischen beiden wurde über Jahrhunderte hinweg dadurch sinnfällig zum Ausdruck gebracht, dass bei drohendem Unwetter die Reliquie auf den Glockenturm der Marienkirche getragen wurde, um Unheil von der Ortschaft und ihren Bewohnern abzuwehren (Binefa i Monjo 1964: 23-24). Dem Wahren Kreuz von Anglesola wurde also eine schützende Kraft zugeschrieben, welche sogar Naturgefahren begegnen könne. Seine praktische Verwendung stellt im Vollzug Heimat her. 

Jaspert_Abb.1

Solche Doppelkreuzreliquiare sollen betrachtet werden. Die in ihnen gefassten Holzpartikel sind in der Regel prominent (zentral und/oder offen) und sichtbar eingefügt, Schmuckelemente verweisen auf den wertvollen Inhalt, und weitere ikonographische Hinweise fordern die Gläubigen zur Verehrung auf. Dies ist auch bei der Vera Creu d’Anglesola zu beobachten: Evangelistensymbole zieren die Balken des Kreuzes, eine betende Figur auf dem Mittelschaft gibt zu leistende Gebetshandlungen vor. Die katalanische Dorfgemeinschaft hat also über Jahrhunderte hinweg mit ihrer Wertschätzung nichts anderes getan als der Aufforderung des Artefakts zu folgen. 

Ein Schatz aus der Fremde

Woher aber stammt diese Staurothek, und wann wurde sie geschaffen? Lange konnten beide Fragen nicht überzeugend beantwortet werden. Doch vor rund 30 Jahren gelang es, Licht in das Dunkel zu bringen. Es konnte unzweifelhaft nachgewiesen werden, dass dieser Gegenstand nicht in Katalonien, sondern rund 2000 km entfernt, in Jerusalem hergestellt worden war. Auch die Entstehungszeit ließ sich bestimmen: Das Wahre Kreuz von Anglesola dürfte zu Mitte des 12. Jahrhunderts geschaffen worden sein (Jaspert 1999). Diese Zuschreibung gelang durch einen Vergleich zwischen ihm und auffallend ähnlichen Stücken, die sich in verschiedenen Museen und Kirchenschätzen – in Santiago de Compostela in Galicien (Spanien), in Paris, in Agrigent auf Sizilien – befinden und ihrerseits überzeugend auf die Mitte des 12. Jahrhunderts datiert worden sind (Meurer 1976, 1985; Jaspert 2015). Die Ähnlichkeiten lassen sogar darauf schließen, dass diese Stücke mit den gleichen Werkzeugen in ein und derselben Werkstatt hergestellt wurden.

Die Herren des Wahren Kreuzes

Mittelalterliche Dokumente verraten die Auftraggeber der Staurotheken. Es handelte sich um den Patriarchen und die anderen Kleriker der Jerusalemer Kathedrale, also um das sogenannte Kathedralskapitel vom Heiligen Grab (Elm 1975, 1998; Zöller 2018: 57–107; Hamilton 2020: 22–55). Diese Geistlichen führten seit der Eroberung Jerusalems durch lateinisch-christliche Truppen des Ersten Kreuzzugs im Jahre 1099 an der Grabeskirche die Liturgie durch. Sie hüteten auch zwei herausragende Schätze der Christenheit: zum einen die Stätten der Passion, also den Golgatha-Hügel und das Grab Christi, die sich beide zur Mitte des 12. Jahrhunderts in der von den Kreuzfahrern restaurierten Grabeskirche befanden. Zum anderen ein besonders großes Stück des Wahren Kreuzes, das den Christen als Materialiserung des neu errichteten Königreichs von Jerusalem und sogar als Schlachtenhelfer diente (Gerish 1996; Murray 1998). 

Von diesem Holz ließen die Mitglieder des Jerusalemer Kathedralskapitels kleine Fragmente abtrennen und in Staurotheken fassen, die sie über das Mittelmeer nach Latein-Europa schickten. Wir wissen hiervon durch eine Urkunde, die Patriarch Fulcher von Jerusalem und der Prior der Grabeskirche Amalrich zwischen 1155 und 1157 ins Heilige Römische Reich schickten und das sich heute im Bayerischen Hauptstaatsarchiv in München befindet (Stephan 1988: 28–30). Die Kleriker geben in diesem Dokument an, sich derer erbarmen zu wollen, die gern die Heiligen Stätten besuchen würden, aber durch „Krankheit, drückende Armut oder verschiedene andere Hindernisse“ davon abgehalten würden. Sie hätten daher einen Mitbruder namens Konrad entsandt und ihm ein Kreuz mitgegeben, das verschiedene Reliquien des Heiligen Landes enthalte. Diese Gegenstände stammten aus Bethlehem, vom Tempel des Herren, vom Garten Gethsemane, von Kalvarienberg, vom Grab des Herren, vom Ölberg, vom Zionsberg und vom Tal Josaphat sowie von „dem durch Christi Blut geweihten heiligen Kreuz“, also von der besagten Reliquie des Wahren Kreuzes.

Die Schöpfer der Jerusalemer Staurotheken kondensierten also zu Mitte des 12. Jahrhunderts in der Tat ihre palästinische Heimat materiell in einem einzigen, tragbaren kulturellen Artefakt. Ihre Mitbrüder brachten diese Verdinglichungen des Heiligen Landes über das Mittelmeer den Gläubigen, die gern ihre ferne spirituelle Heimat aufgesucht hätten, sich aber hierzu nicht in der Lage sahen. Solche Heimatartefakte trugen wirksam dazu bei, fern ihrer Entstehungsorte subsidiäre Kultzentren und neue Heimatvalenzen zu schaffen – dynamische Reflexe Jerusalems im mittelalterlichen Latein-Europa.

Zeigen und Verehren eines Artefakts

Leider ist dieses dem Kanoniker Konrad mitgegebene Artefakt nicht mehr erhalten, sehr wohl aber sein Futteral, aus dem die Größe der Staurothek erkennbar wird (Kotzur und Klein 2004: 407–408; Toussaint 2010). Sie deckt sich mit dem des Wahren Kreuzes von Anglesola. Mehr noch: Der heute im Kloster Scheyern aufbewahrte Behälter zeigt eindeutig, dass dieses Kreuz auf einem Hohlfuß aufgesetzt war, was es möglich machte, die Staurothek in feierlicher Prozession den Gläubigen vor Augen zu führen. Tatsächlich verfügt eine weitere Staurothek aus der erwähnten Gruppe, das Kreuz von Santiago de Compostela, noch immer über eine solche Vorkehrung zur Präsentation (Jaspert 2015: 217). In regelmäßigen, sozialen Routinen wie Prozessionen eingebettet, stärkten tragbare Staurotheken im Vollzug Zugehörigkeit zur christlichen Gemeinschaft und Vertrautheit mit dem Heiligen Land.

Jaspert_Abb2

Was bedeutet dies konkret für die in der Urkunde von 1155-57 beschriebene Situation? Der nach Europa entsandte Kanoniker Konrad verließ seine Heimat Jerusalem, trug diese aber in kondensierter Form verdinglicht bei sich – in Gestalt der Staurothek und der sich in ihr befindlichen Reliquien. Er präsentierte das Reliquiar und mehr noch die Reliquien jenen Gläubigen, die gelobt hatten, in ihre spirituelle Heimat Jerusalem zu ziehen, in das Zentrum des Christentums, oder wie es die Urkunde formuliert: zu den „hochheiligen Orten des Leidens und der Auferstehung des Herrn“ (Stephan 1988: 29). Letztlich erhofften sich die Jerusalemer Geistlichen aus dieser Form der Präsentmachung finanzielle Einnahmen in Form vom Spenden und Stiftungen, wie sie ganz unumwunden in der Begleiturkunde schreiben. Dass sie diese ferne Heimat sehr bewusst in einem einzigen Artefakt kondensierten, wird daran erkennbar, dass ihre Beschreibung der im Kreuz integrierten Reliquien ausdrücklich die wichtigsten Ereignisse der biblischen Heilsgeschichte in Erinnerung rief und an Realien erfahrbar machte. Demnach stammten die Schätze nämlich „aus Bethlehem, wo der Herr geboren wurde und in der Krippe lag, vom Ort seiner Aufopferung im Tempel des Herrn, vom Ort seiner Gefangennahme zu Gethsemane, von der Stätte seines Leidens auf dem Kalvarienberg, vom glorreichen Grab des Herrn, vom Orte seiner Himmelfahrt auf dem Ölberg, von der Ruhestätte der seligen Gottesmutter Maria auf dem Berge Zion und von ihrem Grab im Tal Josaphat.“ (Stephan 1988: 29)

In anderen Worten: Der Text rief mit dieser Auflistung tief im kollektiven Bewusstsein verankertes Wissen über ferne Sehnsuchtsorte ab, die den Gläubigen aus der Bibel sehr vertraut waren, auch wenn sie diese Stätten nie persönlich gesehen hatten. Das kulturelle Artefakt Staurothek stärkte durch seine Sichtbarkeit, seinen wiederholten liturgischen Einsatz und seine flexible Mobilität zeitgenössische Dynamiken der Beheimatung Palästinas. Gebracht wurden den Gläubigen diese Gegenstände aber von einem Kleriker, der ihnen persönlich Auskunft über seine Heimatstadt Jerusalem geben konnte, welche zugleich die ferne spirituelle Heimat seiner Zuhörer war.

Neue Erkenntnisse

Wie aber sollen alle diese Orte des Heilsgeschehens materiell in einem kleinen Holzkreuz kondensiert worden sein? Die Fragmente des Wahren Kreuzes (soweit sie nicht zerstört wurden) sind in den erhaltenen Jerusalemer Staurotheken noch gut sichtbar; am Fuß des Mittelschafts war zudem eine stilisierte Darstellung des Heiligen Grabes zu sehen (eine Bank mit drei kreisrunden Öffnungen, einer Kuppel und einer Lampe). Aber wie steht es um die in der Patriarchenurkunde erwähnten Reliquien aus Bethlehem, Gethsemane etc.? Fanden sie auch in anderen Staurotheken, etwa im Wahren Kreuz von Angesola Aufnahme? Im Jahre 2014 wurde am Centre de Restauracio de Bens Mobles de Catalunya (CRBMC) die Metallverkleidung der Vera Creu d’Anglesola vorsichtig geöffnet und der Holzkern naturwissenschaftlich untersucht (Español 2015: 96–106). In seinem Inneren entdeckten die Forscher und Forscherinnen verschiedene kleine Fragmente: ein Steinchen, ein Holzstückchen und andere vegetabile Bruchstücke. Biologische Analysen offenbarten, dass es sich hierbei um Pflanzenreste handelt, die ganz zweifellos aus der Levante stammen.

Jaspert_Abb.3

Literaturverzeichnis

  • Binefa i Monjo, Josep (1964): Anglesola i Santa Creu. Noticies historiques del senyoriu d‘Anglesola i novena en honor de la Santa Creu. Poblet: Abadia de Poblet.
  • Elm, Kaspar (1975): Fratres et Sorores Sanctissimi Sepulcri. Beiträge zu fraternitas, familia und weiblichem Religiosentum im Umkreis des Kapitels vom Hl. Grab. In: Frühmittelalterliche Studien 9, S. 287–333.
  • Elm, Kaspar (1998): Das Kapitel der regulierten Chorherren vom Heiligen Grab in Jerusalem. In: Kaspar Elm und Cosimo Damiano Fonseca (Hg.): Militia Sancti Sepulcri. Idea e istituzioni. Città del Vaticano: Commissio Scientifica pro Historia Ordinis, S. 203–222.
  • Español, Francesca (2015): La Vera Creu d‘Anglesola i els pelegrinatges de Catalunya a Terra Santa. Solsona: Museu Diocesà i Comarcal.
  • Gerish, Deborah (1996): The True Cross and the Kings of Jerusalem. In: The Haskins Society Journal 8, S. 137–155.
  • Hamilton, Bernard; Jotischky, Andrew (2020): Latin and Greek Monasticism in the Crusader States.Cambridge: University of Cambridge ESOL Examinations. 
  • Heid, Stefan (2001): Kreuz, Jerusalem, Kosmos. Aspekte frühchristlicher Staurologie. Münster: Aschendorff (Jahrbuch für Antike und Christentum. Ergänzungsband, 31).
  • Jaspert, Nikolas (1999): Un vestigio desconocido de Tierra Santa. La Vera Creu d‘Anglesola. In: Anuario de Estudios Medievales 29, S. 447–475.
  • Jaspert, Nikolas (2015): The True Cross of Jerusalem in the Latin West. Mediterranean Connections and Institutional Agency. In: Bianca Kühnel, Galit Noga-Banai und Hanna Vorholt (Hg.): Visual Constructs of Jerusalem, Bd. 18. Turnhout (Cultural Encounters in Late Antiquity and the Middle Ages of Jerusalem, 18), S. 207–223.
  • Kotzur, Hans-Jürgen; Klein, Brigitte (Hg.) (2004): Die Kreuzzüge. Kein Krieg ist heilig. Mainz: von Zabern.
  • Meurer, Heribert (1976): Kreuzreliquiare aus Jerusalem. In: Jahrbuch der Staatlichen Kunstsammlungen in Baden-Württemberg 13, S. 7–18.
  • Meurer, Heribert (1985): Zu den Staurotheken der Kreuzfahrer. In: Zeitschrift für Kunstgeschichte 48, S. 65–76.
  • Murray, Alan V. (1998): „Mighty Against the Enemies of Christ‘. The Relic of the True Cross in the Armies of the Kingdom of Jerusalem. In: John France und William G. Zajac (Hg.): The Crusades and their Sources: Essays presented to Bernard Hamilton. Ashgate: Aldershot, S. 217–238.
  • Reudenbach, Bruno; Toussaint, Gia (Hg.) (2011): Reliquiare im Mittelalter. Berlin: Akademie-Verlag (Hamburger Forschungen zur Kunstgeschichte, 5).
  • Stephan, Michael (Hg.) (1988): Die Urkunden und die ältesten Urbare des Klosters Scheyern. München: Beck (Quellen und Erörterungen zur bayerischen Geschichte / Neue Folge, 36,2).
  • Toussaint, Gia (2010): Die Kreuzreliquie und die Konstruktion von Heiligkeit. In: Hartmut Bleumer und Hans-Werner Goetz (Hg.): Zwischen Wort und Bild. Wahrnehmungen und Deutungen im Mittelalter. Köln: Böhlau, S. 33–78.
  • Zöller, Wolf (2018): Regularkanoniker im Heiligen Land. Studien zur Kirchen-, Ordens- und Frömmigkeitsgeschichte der Kreuzfahrerstaaten. Münster: Lit (Vita regularis. Abhandlungen, 73).

Commentary by Diego Jaimes-Niño, TP B02

In his blogpost, Nikolas Jaspert presents the Vera Creu D’Anglesola Staurotheke as an artifact that holds multiple affordances of belonging through the meanings it holds in different temporalities. It was a piece of a home lost for the Canon Conrad, the member of the Order of the Holy Sepulchre who brought from the Holy land. For the order he belonged to, it was a powerful testimony and connected their mission, Christian believers, and the divine. It is culturally relevant for the Catalonian village of Anglesola, where the church that holds the reliquary can be found. For Christendom, the relic confirms places and events that establish a ritual relationship with the sacred. Exploring these scales of meaning, Nikolas Jaspert unveils a new one and speaks of Staurothekes collectively as “archetypical cultural artifacts”, objects that concentrate significant symbolic and cultural agency that transcend their manufacture and daily use or, as he argues, have the capacity of “condensing Heimat” through different uses.

The author does a concise description of the object, including its physical features, its biography, trajectories, and its connection to similar documented artifacts. More strategically, he mentions ways in which the object was used, or could potentially be used, thus imbuing it with an idea of Heimat; Jaspert also suggests a framework that differentiates this concept from similar terms such as home, belonging, origin or authenticity. For example, the object’s ritual use, that provides villagers of Anglesola with a sense of protection, which in turn makes them care and protect it, establishes a communal relationship with it and a collective process of placemaking. The term “condensing” becomes relevant considering the intention of the Canons of the Holy Sepulchre when this object was made and, along with others, sent to Europe: The artifact acquired a mystical agency of transporting Jerusalem, the spiritual Heimat of the religion, to the believers, bearing witness and giving proof of the material existence of the place, the origin of their belief, and a sense of the mission carried out by the Christians in Crusaders’ Palestine. These agencies of the object reveal Heimat in its emotional dimension, entangled with belief, its ability to transect temporalities and scales, and translocate geographies through imaginations of origin. 

Nikolas Jaspert proposes the Vera Creu as a dynamic object that can serve many uses and play different roles in different spatial and temporal contexts, plurilocated (in Jerusalem, in Catalonia, and among a network of related objects that build a historical corpus of middle-age Christianity in South and Central Europe), and deepening in meaning through its relations with people and places, aligned with new-materialist perspectives. The plural “Heimaten” thus becomes apparent within a historical framework marked with human mobilities.