Kraftklub feat. Tokio Hotel: Fahr mit mir (4x4) (2022)
Grüne Felder, die bei 100 km/h Reisegeschwindigkeit auf der Landstraße an den offenen Fenstern vorbeiziehen, hitzeflirrender Asphalt, der sich bei Temperaturen über 30°C deutlich zu weich anfühlt, und ein Soundtrack, der aus den Lautsprechern scheppert.

Der Song „Fahr mit mir (4x4)“ von Kraftklub und Tokio Hotel ist eine klare Aufforderung zum Aufbruch und verfügt über eine ungeheure Imaginationskraft. In der Luft liegt der Geruch frischgemähten Rasens, akkurat gepflegter Blumengärten und glühender Grillkohle. Komplettiert wird das Bild eines typischen (deutschen) Vorort-Sommers durch sauber am Straßenrand aufgereihte Mülltonnen und Deutschlandfahnen in Vor- und Kleingärten. Ein tatsächlicher wie metaphorischer Ort, der qua Heimatministerium abgesichert ist.
Gestört wird der Sommerduft der Idylle schließlich durch das laute Knattern und den Gestank des 1,6-Liter-Dieselmotors eines vorbeirauschenden Lada Niva 4x4 sowie durch die lautstark vorgetragene Aufforderung, mitzufahren. Der 1976 in Serienproduktion gegangene sowjetische Geländewagen ist Symbol und Vehikel gleichermaßen.
„Ich kann nicht bleiben“
Heimat entsteht in der Ferne, in der radikalen und finalen Abkehr von (oder Flucht vor) bürgerlichen Idealisierungen von Heimat, in denen der akkurat gemähte Rasen, der sauber getrennte Müll, das liebevoll angelegte Blumenbeet und der heilige Weber-Grill als Garanten einer ‚glücklichen‘ Ehe gelten.
Und Heimat entsteht in der Abgrenzung: „Etwas mit Heimatministerium kann für mich keine Heimat sein / Ich kann nicht bleiben“. Die Zuhörenden werden aufgefordert, die spießbürgerliche, kleingeistige Idylle für immer hinter sich zu lassen und sich von den Ketten der Vorstadt-Romantik zu befreien: „Komm, fahr mit mir (Lada Niva) im 4x4 (Lada Niva) / […] Spargelfelder zieh’n vorüber, wenn ich geh’, komm’ ich nicht wieder“. Wohin es gehen soll, ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar. Hauptsache weg, die Heimkehr ist ausgeschlossen. Die durch Monokultur industriell hochgezüchteten Spargelfelder, auf denen das weiße Gold wächst und die symbolisch für das deutsche Spießbürgertum stehen, werden endgültig zurückgelassen. Die Zurückgelassenen, und darin spiegelt sich der grundlegende Konflikt, „beten, dass wir einen Unfall bau’n.“
„Wald- und Wiesen-Pionier“
Die dabei aufgerufene Roadtrip-Romantik erinnert unweigerlich an Wolfgang Herrndorfs Coming-of-Age-Roman Tschick (2010), wohl auch wegen des Fluchtfahrzeugs der Wahl. In Herrndorfs Jugendroman ‚leihen‘ sich die Protagonisten Tschick und Maik einen blauen Lada, um in die Walachei zu fahren – dabei bleibt immer offen, ob es sich um die tatsächliche Region in Rumänien handelt, oder um einen metaphorischen Referenzpunkt, der geographisch leer bleibt und vielmehr auf die Flucht aus eingefahrenen Strukturen verweist.
Der Lada Niva als Fluchtwagen ist eine bemerkenswert vielschichtige Metapher: Das in der UdSSR entwickelte Geländefahrzeug ist ein Fahrzeug für Puristen, quasi unkaputtbar, mit den entsprechenden Ersatzteilen günstig wie einfach zu reparieren und auch in der Anschaffung (in der Fahrzeugklasse Geländewagen) konkurrenzlos günstig. Er verwehrt sich der normierenden Post-Wende-Ästhetik (ostdeutscher) Klein- und Vorstädte. Vor allem ist er mit seinem Allradantrieb für jedes Gelände gewappnet, auch um Felder und Äcker zu durchqueren, oder um den Weg aus der spießigen Vorstadtidylle zu bewältigen. Der Lada verweist aber auch deutlich auf die ostdeutsche Biografie beider Bands: Tokio Hotel stammen aus dem Magdeburger Raum, Kraftklub aus Chemnitz.
Für die Flucht aus der bürgerlichen Bequemlichkeit oder der Kleingartenidylle wird alles Weltliche, Materielle zurückgelassen. Es braucht kein Statussymbol, keinen G-Wagon, wie bei manchem Deutsch-Rapper, es braucht nicht einmal einen Zielort. Die pulsierende Grundmelodie regt die Sehnsucht nach Ferne noch weiter an. So macht der Indie-Pop-Track Lust, ziellos der Sonne entgegenzufahren.
Das Musikvideo hingegen entspricht dieser imaginierten Ästhetik keineswegs. Die Szenerie ist dunkel und bedrohlich. Die Referenzialität Heimat wirkt – quasi folgerichtig – düster, die Rezipierenden warten vergeblich auf das Aufreißen dieser dunklen (Wolken-)Front. In einer Kamerafahrt, die sich spiralförmig nach außen dreht – also nicht weiter in die Spirale hinabtaucht, sondern sich viel eher aus ihr löst – werden die an der Bushaltestelle wartenden Interpreten gewissermaßen in den Lada hineingezogen; sie folgen der eigenen Aufforderung. Der im Video ebenfalls blaue Lada ist nicht nur Fluchtvehikel, er ist die einzige Fluchtoption. Bildsprachlich wird die Flucht jedoch nicht vollzogen, sondern maximal initiiert. So entsteht eine nicht auflösbare Dissonanz zwischen anregender Aufbruchsstimmung und bedrohlicher Videokulisse.
„Wenn ich geh’, komm’ ich nicht wieder“
Die anfänglich ziellose Flucht mündet nach zwei Refrain-Wiederholungen dann doch im Sehnsuchtsort der Interpreten, der imaginiert wird als eine Gegend, „in der keine Fahnen in den Kleingartenanlagen wehen / keine Regeln, Strafen und Gesetze / außer so zu leben, dass Franz Josef Wagner ’was dagegen hätte.“ Die Kleingartenanlage gilt dabei als Manifestation des Feindbildes eines kleinbürgerlichen Nationalismus, der sich, so ist die Referenz jedenfalls zu verstehen, auch maßgeblich aus den Kolumnen der Springer-Presse speist. So ist Heimat nicht nur Flucht, viel eher liegt die Heimat im Unterwegssein in einen freiheitlichen Sehnsuchtsort, in dem keine Regeln gelten, außer dagegen zu sein.
Heidelberg im August 2026
Nicholas Beckmann, TP C01
Songtext: Kraftklub feat. Tokio Hotel: Fahr mit mir (4x4) (2022)
Das mit den'n und mit mir
Das wird in diesem Leben nicht mehr funktionier'n
Zu viel Streit
Zu viel Streit in der Vergangenheit über die Vergangenheit
Es tut mir leid
Etwas mit Heimatministerium kann für mich keine Heimat sein
Ich kann nicht bleiben
Es ist zu spät, steig mit ein, wenn es dir genauso geht
Refrain:
Komm, fahr mit mir (Lada Niva) im 4x4 (Lada Niva)
Tausendsechshundert, Wald- und Wiesen-Pionier (Lada Niva)
Komm, fahr mit mir (Lada Niva) im 4x4 (Lada Niva)
Spargelfelder zieh'n vorüber, wеnn ich geh', komm' ich nicht wieder
Rasen gemäht, getrennter Müll
Zwölf Jahre Ehe, Blumenbeet und Weber-Grill
Wie sie da steh'n, so gut gelaunt
Schau, wie sie beten, dass wir einen Unfall bau'n
Sie sind so klein, schon so klein am Horizont
Wir fahren weiter, immer weiter, bin gespannt, was noch so kommt
Weiß nicht, wohin es uns treibt
Doch keine Eile, weil wir beide haben Ewigkeiten Zeit
Refrain
Doch irgendwann ist da eine Gegend
In der keine Fahnen in den Kleingartenanlagen wehen
Keine Regeln, Strafen und Gesetze
Außer so zu leben, dass Franz Josef Wagner was dagegen hätte
Refrain