Kummet, Pflug und Sense als mise-en-scène
Landwirtschaftliche Geräte sind beliebte Exponate in heimatmusealen Sammlungskontexten und folgen zugleich einer Anordnungs- und Ausstellungspraxis, die sich am ehesten als mise-en-scène begreifen lässt. Die Objektarrangements erzählen vor allem eine Fortschrittsgeschichte und machen historische Alterität am regional verwurzelten Anschauungsobjekt „von früher“ erfahrbar.

von Nicholas Beckmann
„So war es früher“
„So wurde früher gepflügt“ lautet die Bildüberschrift einer Zeichnung Fritz Struncks aus dem Jahre 1950 im Heimatmuseum Kirchheim-Heidelberg. Zu sehen sind – vorausgesetzt man entdeckt das Bild in der eklektischen Anordnung von Kummet, Pflug, Geschirr und Sense überhaupt – zwei Pferde und ein Pflug, die von einer schemenhaften Figur über einen Acker geführt werden. Der kurze Beschreibungstext betont, wie körperlich belastend die Feldarbeit vor der Technisierung der Landwirtschaft war. Zu bewältigen war sie nur durch tatkräftige tierische Unterstützung: durch „mächtige Kaltbluthengste“ – so war es früher.

„Früher wurden manchmal auch Ochsen als Zugtiere eingespannt“, heißt in einer anderen Bildunterschrift oder „So wurde früher Heu gemacht“ – früher ist, in seiner zeitlichen Vagheit, die präferierte Kontrastfolie zu heute und verbalisiert die sichtbare zeitliche Alterität der Dinge zum hier und jetzt der Besuchenden. Dass die Gegenstände nicht aus dem Heute stammen, vermag aber bereits die auratische Wirkung der Objekte und Räumlichkeiten selbst verraten.
Vom Bauernhaus zum Heimatmuseum
Das Heimatmuseum im Heidelberger Stadtteil Kirchheim wurde 1982 in einem Gebäude einer ehemaligen Schäferei eingerichtet. Sie verlieh der Straße ihren Namen: Schäfergasse. „Früher“ wurden dort aber auch Obst, Getreide oder gar Tabak angebaut. Deshalb legt die Ausstellung des Heimatmuseums Kirchheim einen besonderen Fokus auf Facetten des (bäuerlichen) Lebens und Arbeitens in Kirchheim. Neben Sensen, Handsicheln und kleineren landwirtschaftlichen Werkzeugen sind beispielsweise eine Dreschmaschine für Getreide oder Obstpressen verschiedenster Größen zu besichtigen.
Gezeigt werden auch andere Handwerkszweige und Tätigkeitsfelder, die den Alltag der Kirchheimer:innen bestimmten und bis heute prägen: Werkzeuge aus einer Schusterei, einer Bäckerei oder ein Apothekerschrank mitsamt Inventar. Neben einer bäuerlichen Küche im ersten Obergeschoss befinden sich dort auch ein nachempfundenes Schlafzimmer, ein Friseursalon, ein Tante-Emma-Laden und ein Klassenzimmer – schließlich wurde das Bauernhaus bis 1888 als Schulgebäude genutzt.
Wildes Anordnen als mise-en-scène
Spannend ist die Anordnungspraxis der Ausstellung: Die Besuchenden fühlen sich im ersten Raum eingeladen in einen landwirtschaftlichen Werkzeugschuppen – ohne mitunter verlässlich sagen zu können, wie ein solcher Schuppen wohl aussieht. Es handelt sich viel eher um eine Imagination eines solchen Schuppens. Trotzdem erlaubt die Ausstellung von landwirtschaftlichen Gerätschaften einen lokalgeschichtlichen Blick in das bäuerliche Leben und Arbeiten im regionalen Nahfeld; auch wenn die individuelle Bewertung der Relevanz landwirtschaftlichen Geräts zur Modellierung von Heimat(en) durch die Besuchenden gänzlich anders ausfallen mag.
In der Gesamtschau kann man sich des Eindrucks der alltagsgeschichtlichen Rumpelkammer nicht völlig erwehren. Die Objektarrangements wirken häufig überladen und können (vielleicht gerade deshalb) als typische Objektgruppen des Heimatmuseums gelten. Erklärungstexte sind zu lang oder unsystematisch – mal auf ein professionell wirkendes Banner oder eine Tafel gedruckt, mal auf einem ausgedruckten und (gelegentlich) einlaminierten Papier unter das Exponat geklebt. Und doch liegt der Charme des ehrenamtlich geleiteten Hauses in genau diesem Arrangement, einer heimatmuseumstypischen mise-en-scène, die im wilden1 Sammeln und Anordnen entsteht.

Das landwirtschaftliche Gerät als ein Heimatobjekt
Die Suche nach dem Heimatobjekt, das viele (oder gar alle) Heimatmuseen eint und trotzdem (regionale) Individualität oder Eigenheiten zulässt, muss in der Maximalforderung zwangsläufig scheitern, würden Pauschalantworten doch regionale Eigenheiten von kleineren Heimatmuseen und deren Modellierungen von Heimaten unterminieren und eine Einheitlichkeit in der Heimatkonstruktion suggerieren, wo keine ist. Heimatmuseen – und das eint sie womöglich in ihrer feststellbaren Diversität doch – stellen primär Gegenstände der Alltagsgeschichte dar, sie sind kulturhistorische Häuser mit regionalem, volkskundlich-ethnologischem Schwerpunkt (siehe hierzu auch Heesen 2012:139).
Damit gibt es aber nicht das eine Heimatartefakt oder -objekt im Heimatmuseum, sondern viele regionale Eigenheiten, die nicht zwangsläufig in der Objektart, sondern in der dahinterliegenden Erzählung zu suchen sind: Das 1906 gegründete Städtische Museum Eisenhüttenstadt wird sich erwartungsgemäß grundlegend vom 1921 gegründeten Heimatmuseum in Villingen-Schwenningen unterscheiden – auch wenn beide unter anderem eine Geschichte der ortsansässigen Glasmacher erzählen. Das Heimatmuseum Kirchheim wird wiederum eine andere Geschichte erzählen.
In nuancierter Abstufung ist es aber möglich, dieselbe Objektart oder -gruppe mit unterschiedlichen (Hintergrund-)Narrativen zu versehen. Im beinahe anekdotischen Austausch über Heimatmuseumserfahrungen mit Freunden, Bekannten oder Kolleg:innen zeichnet sich aber eine (subjektive) Wahrnehmung ab: Der einhellige Eindruck ist, Heimatmuseen zeigen landwirtschaftliche Gerätschaften. „In jedem Heimatmuseum steht ein Pflug“. Schon immer.
Dass Heimatmuseen auch landwirtschaftliche Gerätschaften zeigen, ist nicht von der Hand zu weisen. Dass sie dies schon immer machen, mag je nach Alter der zu dieser Einschätzung kommenden Gesprächspartner:innen zutreffen, pauschal trifft diese Feststellung aber nicht zu.
1964 wurde die Ausstellung bäuerlichen Arbeitsgeräts in Heimatmuseen vom Leiter des Bayrischen Landesamtes für Denkmalpflege Torsten Gebhard im museologischen Fachorgan Museumskunde im Beitrag Die volkskundlichen Aufgaben der Heimatmuseen (Gebhard 1964:87–96) explizit eingefordert. Klar ist: Eine solche Forderung unterstreicht eine zuvor festgestellte Abwesenheit dieser Gerätschaften in Museen, die über eine bloß subjektive Empfindung Gebhards hinausgeht. Auch wenn es sich um einen Vortrag auf der Jahrestagung der Leiter nichtstaatlicher Museen in Bayern handelt, Gebhard spricht hier über das Organ „Museumskunde“ nicht nur für Bayern.
Werkzeuge, Innovation, Technisierung und Fortschritt(snarrative)
Die stetige Innovation und Anpassung von Werkzeugen, um Arbeit(-sabläufe), Alltag oder blankes Überleben des frühen Homo sapiens zu erleichtern, fügen sich in ein populäres (nicht unkritisches) Fortschrittsnarrativ der Menschheitsgeschichte ein, in dem das evolutionäre Anpassungsvermögen des Menschen an die ihn umgebenden Umweltbedingungen hervorgehoben wird – pointiert ließe sich gar behaupten, der Mensch habe sich mit der Entwicklung des Werkzeugs nicht an seine Umgebung angepasst, sondern sie beherrschbar gemacht. Yuval Harari argumentiert in seiner kurzen Geschichte der Menschheit, „die Wende zur Landwirtschaft sei der Anfang vom Ende gewesen, denn mit ihr habe der Homo sapiens den Kontakt zu seiner natürlichen Umwelt verloren und den Weg der Gier und Entfremdung eingeschlagen“ (Harari 2024:129). Die Erfindung und (Weiter-)Entwicklung von Werkzeugen ist einerseits Grundlage und andererseits ständiger Katalysator jener landwirtschaftlichen Revolution(en). Ihre Thematisierung im Heimatmuseum erlaubt Rückschlüsse auf regionale Eigenheiten der landwirtschaftlichen Praxis in der Vergangenheit und skizziert eine (historische) Andersartigkeit.
Die historische Bedingtheit der Kirchheimer Stadtstruktur wird betont: „Das heutige Ortsbild zeigt noch vage Erinnerungen an seine ehemals landwirtschaftlich geprägte Struktur. Gehöfte mit großem Wohnhaus, Stall und Nebengebäuden prägen den alten Ortskern“ (Stadt Heidelberg 2025, siehe Link im Verz.). Im Kontext der Geschichte der Gemarkung Kirchheim werden landwirtschaftliche Gerätschaften und Arbeitsmittel, die andernorts vielleicht kaum erwähnenswert wären, zu Relikten einer vergangenen Zeit und damit zu Heimatobjekten. Die Betonung der Landwirtschaft im Heimatmuseum Kirchheim ist nur folgerichtig. Trotzdem entfalten die landwirtschaftlichen Werkzeuge und Gerätschaften erst in der Gesamtschau des Dingarrangements ihre tatsächliche Wirkung: Schließlich sind sie wesentlicher, aber nicht einziger Bestandteil der Heimaterzählung Kirchheims.
Zeitliche und dingliche Alterität
Für die heutigen Besuchenden sind landwirtschaftliche Gerätschaften fast archaische Relikte einer längst vergangenen Zeit: Die Landwirtschaft ist weitestgehend technisiert, gar automatisiert, Lebensmittel kommen – überspitzt gesagt – nicht mehr vom Acker, sondern aus dem Supermarktregal oder vom Markt. In der Begegnung mit den ausgestellten „fremden“ Geräten manifestiert sich ein mehrfaches Zeitverhältnis, in dem sich Menschen in ihrer Gegenwart mit Dingen aus der Vergangenheit auseinandersetzen, um möglicherweise Lernerfahrungen für die Zukunft daraus zu gewinnen.
Sie verhalten sich zur Vergangenheit, indem sie Alterität erfahren. Das Objektarrangement, die mise-en-scène – ob freiwillig oder unfreiwillig entstanden – verstärkt diesen Effekt. Auch Jannelli betont die Relevanz der stimmungsvollen Arrangements und ihrer mimetischen Wirkung: „Sie erscheinen als eingefrorene Bilder, die von einer heimeligen, agrarischen Vergangenheit zeugen“ (Jannelli 2013:26), die ihrer Überfülle wegen als Gesamtbilder funktionieren und für vielfältigste Interpretationsansätze offen sind (vgl. Jannelli 2013:24). Wild gilt hier sowohl für das Sammeln als auch für das Deuten.

Diese Alterität ist aber nicht bloß zeitlich, sondern dinglich manifest, schließlich kommen nur die wenigsten Museumsbesuchenden in ihrem Alltag jemals in die Verlegenheit, einen Karrenpflug anzuspannen. Trotzdem können sie den Pflug, in welcher historischen Komplexitätsstufe auch immer, in seiner historischen Bedingtheit als Ding wahrnehmen, das die heutige landwirtschaftliche Entwicklung ihrer Heimat(en) (direkt oder indirekt) beeinflusst hat. Sie können sich idealiter über die erfahrene zeitliche und dingliche Alterität kritisch und (geschichts)bewusst mit den Objekten auseinandersetzen. Auch wenn das Museum selbst eher mit dem zeitlichen Indefinitum früher argumentiert, ist das Heute doch implizit durch die Besuchenden präsent.
Kummet, Pflug und Sense als Heimatartefakte?
Dass landwirtschaftliche Geräte ihren Weg in Heimatmuseen gefunden haben, ist sicherlich nicht nur dem Leiter des Bayrischen Landesamtes für Denkmalpflege Torsten Gebhard zuzuschreiben. Die von ihm formulierte Forderung aber ist einer Untersuchung der Modellierung von Heimat(en) im Museum außerordentlich zuträglich, lässt dies doch Rückschlüsse auf die Modellierung opportuner Heimatimaginationen und -bilder zu.
Die landwirtschaftlichen Arbeitsgeräte sind nicht nur Tor ins „Früher“, sie weisen auch über die Fachgrenzen des Teilprojektes zu Heimatmuseen hinaus: Nicht nur das Museumsding, sondern das Arrangement im Museum selbst sind relevant. Dinge, Objekte oder Artefakte sind schlussendlich immer eingebunden in Erzählungen und Imagination von Heimat(en). Dabei zeigen sie aber auch, dass sie unbedingt historisierungs- und kontextualisierungsbedürftig sind. Schließlich gilt zu bedenken: Die Museumsdinge sind nicht einfach da, sie werden (mehr oder weniger) intentional in das Museum getragen und so in eine Narration von Heimat(en) eingeflochten.
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1 Das wilde Museum wird von Angela Jannelli einerseits als Sammelbegriff für Amateur-Museen verwendet und andererseits als eigener Museumsstil begriffen, der „eine vom System der Wissenschaft unabhängige Spielart von Erkenntnis“ darstellt (Jannelli 2012:26).
Literaturhinweise
Gebhard, Torsten 1964. Die volkskundlichen Aufgaben der Heimatmuseen. In Museumskunde. 87–96.
Harari, Yuval Noaḥ 2024. Sapiens: eine kurze Geschichte der Menschheit. 1. Auflage. München.
Heesen, Anke te 2012. Theorien des Museums zur Einführung. Hamburg.
Jannelli, Angela 2013. Plädoyer für «wilde Ordnungen» – Eine Liebeserklärung an das Heimatmuseum. In Verband der Museen der Schweiz VMS & ICOM Schweiz, hg. Teilhaben – Prendre part – Partecipare. Museums.ch. Baden.
Jannelli, Angela 2012. Wilde Museen: Zur Museologie des Amateurmuseums. 1st ed. Bielefeld.
Stadt Heidelberg 2025. Heidelberg-Kirchheim. Vom Seegebiet zum gefragten Familienwohnort.
Kommentar von Nikolas Jaspert, TP A04
Aus mediävistischer Sicht ist das titelgebende Kummet des Heimatmuseums Kirchheim-Heidelberg, ebenso wie der dort abgebildete Pflug, keineswegs ein frühes Artefakt ländlichen Lebens, sondern dessen späte Fortentwicklung: Denn der hier dargestellte, von zwei Pferden mithilfe eines Geschirrs gezogene Räderpflug stand am Ende einer jahrhundertelangen Entwicklung, die mit der einfachen Hake ihren Anfang nahm. Er war ein technologischer Fortschritt. Bild und Artefakt sind damit eine historisch bestimmbare Momentaufnahme, stehen aber im Museum zugleich für die lange Dauer. Diese Feststellung berührt etwas Grundsätzliches: Leiterinnen und Leiter von Heimatsmuseen müssen mitunter einen museologisch-didaktischen Spagat meistern: einerseits das im Beitrag angesprochene, zeitliche „Indefinitum früher“ wachzuhalten und zu pflegen, weil es Heimatgefühlen eigen ist; und andererseits dieses Früher zu historisieren, in nachvollziehbare räumlich-zeitlich-sachliche Zusammenhänge zu bringen und damit zu konkretisieren. Dies aber birgt die Gefahr in sich, den im Beitrag herausgearbeiteten Alteritätscharakter des Artefakts zu schmälern. „Früher“ ist also eine modellierbare und notwendigerweise ambivalente Größe.