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Aus der hintersten Schublade in die Vitrine …

In Heimatmuseen finden sich unter den ausgestellten Objekten im Bereich „Militaria“ oft Orden und Abzeichen aus privatem Besitz. Diese haben als Alltagsgegenstände aus Kriegszeiten zwar einen hohen Wiedererkennungswert, ihre spezielle Bedeutung und Geschichte ist oft aber nicht erkennbar. Durch Erstellen von materiellen Objektbiografien und ihrer Einordnung in lokale Geschichte(n) können an ihnen gleichwohl subjektive Heimatbezüge herausgearbeitet werden.

Von Cord Arendes

Orden und Abzeichen als Objekte in Heimatmuseen

Vor allem kleinere Heimatmuseen in mehr oder weniger privater Trägerschaft konfrontieren die Besuchenden nicht selten mit Objekten, die ihnen nur allzu bekannt vorkommen: Neben landwirtschaftlichem Gerät längst vergangener Zeiten werden regelmäßig Biergläser, -krüge und -deckel, diverses Porzellan oder Werbeschilder aus Emaille einem diesbezüglich wenig staunenden Publikum präsentiert. Den genannten Alltagsgegenständen ist gemein, dass sie zum einen über einen sehr hohen Wiedererkennungswert beim Publikum verfügen und dass sie zum anderen oft auch Gegenstand privater Sammelleidenschaften der Besuchenden sind. 

Zu diesen auf den ersten Blick recht banal anmutenden Ausstellungsobjekten zählen auch die allein im 20. Jahrhundert millionenfach produzierten politischen oder militärischen Orden und Abzeichen. Als kleinformatige Objekte überdauerten sie die Zeiten zumeist unsichtbar, das heißt in der Tiefe von Schubladen oder in den hinteren Ecken von Dachböden. Nach dem Tod der Großväter oder Väter gerieten diese urplötzlich wieder ans Tageslicht und führten oftmals zur erstmaligen Beschäftigung mit der Kriegsbiografie enger Familienangehöriger. Aus wenig erfindlichen Gründen landeten diese als Kriegsdevotionalien, Militaria oder, je nach Kontext, schlicht als ‚Nazi-Dreck‘ bezeichneten materiellen Relikte auch in Vitrinen und Regalen von Heimatmuseen. Gleichwohl sind Orden und Abzeichen global „wiedererkennbar“, stehen sie doch jeweils symbolisch für ein (staatliches) Gemeinwesen. 

Objekte ohne praktischen Nutzwert: Militärische Verdienstorden

In einem Schaukasten im Heimatmuseum Heidelberg-Kirchheim findet sich ein solches Sammelsurium von Orden und Abzeichen, darunter gleich zweimal das Eiserne Kreuz II Klasse von 1914. Aufgrund fehlender Beschriftung ist eine historische Einordnung bzw. Zuordnung der Orden durch das Publikum ohne Vor- und Spezialwissen kaum möglich. In der unteren linken Ecke des Schaukastens verweist eine Art Schmuckschild auf die Ehrung des aus Kirchheim stammenden Unteroffiziers B. mit dem genannten Orden. Beim Eisernen Kreuz handelt es sich um den 1813 vom preußischen König Friedrich Wilhelm III. erstmals für die sogenannten Freiheitskriege gegen Napoleon gestifteten Verdienstorden für militärische Leistungen – auch außerhalb der Offiziersränge. „Erneuert“ wurde die Stiftung sowohl 1870 für den Deutsch-französischen Krieg als auch 1914 für den Ersten Weltkrieg (vgl. Heyde 1980:49–67; Schulze Wegener 2012:13–16). Ob der gezeigte Orden für heutige Besuchende über einen (heimat-)musealen Wiedererkennungswert verfügt, ist eher unwahrscheinlich, auch wenn das Eiserne Kreuz weiterhin als Hoheitsabzeichen für Fahrzeuge und Flugzeuge der Bundeswehr dient. Auch seine Bezüge zum mittelalterlichen Deutschen Orden und die damit verbundene Berufung auf eine christliche Wertordnung dürften sich als kaum bekannt erweisen. In einer militärgeschichtlichen Sammlung würde das Eiserne Kreuz wohl keine Fragen bezüglich seiner Kontextualisierung aufwerfen. Wie aber verhält es sich mit Blick auf seine Präsentation in einem Heimatmuseum? 

Militärische Ausrüstungsgegenstände allgemein, und damit auch Orden und Abzeichen, bilden einen Sonderbereich der materiellen Kultur: Sie zählen zu den Dingen, deren ursprüngliche und in der Regel hoheitlich-offiziellen Nutzungszusammenhänge nicht mehr gegeben sind und die somit aus ihrem originär-historischen Kontext herausgelöst wurden. Ein Bierglas aus den 1950er Jahren mag in heutigen Geschirrspülern rasch seinen farbigen Brauereiaufdruck verlieren, trinken kann man aus ihm weiterhin. Selbst eine uralte Sense lässt sich mit ein wenig handwerklichem Geschick auch nach Jahrzehnten des Herumliegens wieder bei der Gartenarbeit einsetzen. Ein solchermaßen langlebiger wie praktischer Nutzen ist für politische und militärische Auszeichnungen nicht erkennbar. Von allenfalls geringem öffentlichem Erinnerungswert tragen sie in Heimatmuseen als Objekte eines „Banalen Militarismus“ eher zur öffentlichen Repräsentation und Inszenierung des Militärischen bzw. des Krieges im Alltag bei (vgl. Thomas u. Virchow 2006). Ihre Objekt-Karriere hat zumeist die drei Stadien „rituelles Objekt“, „mehr oder weniger Abfall“ und schließlich „Ware“, da Orden und Abzeichen in einschlägigen Kreisen als Sammlerstücke begehrt sind (vgl. Hughes 2023), durchlaufen. 

Das Foto zeigt eine an einer Wand hängendem Schaukasten aus Holz, in dem sich eine Reihe an Orden und Abzeichen aus dem Ersten Weltkrieg befinden. Unter den hinter Glas präsentierten materiellen Relikten aus den späten 1910er Jahre befinden sich auch zwei sogenannte Eiserne Kreuze.

Dingbedeutsamkeit militärischer Verdienstorden

Wie lässt sich nun einerseits ein konkreter Heimatbezug für Orden und Abzeichen bestimmen und andererseits dieser für einen verschiedene Disziplinen sowie unterschiedliche Zeiten und Räume übergreifenden Forschungsverbund fruchtbar machen? Bei Orden, wie im Fallbeispiel dem Eisernen Kreuz, handelt es sich um sowohl um ein Zeichen „von Wertschätzung und Individualität“ (Schulze Wegener 2012:13) als auch um ein „Schlüsselsymbol soldatischer Kriegserfahrung“ (Winkle 2007:12). Die Frage, ob ein Orden seinen Träger selbst zu einem Objekt (staatlicher Machtausübung) werden lässt, muss an anderer Stelle diskutiert werden. Sowohl im musealen Kontext als auch im Rahmen einer privaten Sammlung sind Orden, so es sich nicht um die direkte Hinterlassenschaft einer bekannten Persönlichkeit handelt, von ihren ursprünglichen Trägern mehr oder weniger gelöst bzw. „emanzipiert“. Die gilt auch für das Kirchheimer Fallbeispiel, da eine historisch-biografische Einordnung von Unteroffizier B. durch Besuchende weder erfolgen kann noch durch das Museum geleistet wird. Der Schaukasten legt nur nahe, dass eine zeitgenössische Verbindung des Ausgezeichneten zum heutigen Museumsstandort bestanden hat – ein Zusammenhang, der in größeren privaten und damit auch länderübergreifenden Sammlungen von militärischen Orden und Abzeichen nicht gegeben ist. 

Als Artefakt der materiellen Kultur lässt sich die „Dingbedeutsamkeit“ (Winkle 2007:25) des Eisernen Kreuzes hinsichtlich seiner Funktion als Element des männlichen Schmuckes, seiner Formgebung und Formensprache sowie den zu seiner Herstellung benutzten Materialien leicht untersuchen (vgl. ebd.:25–42). Ein solches Vorgehen kann hier nur angedeutet werden: Das schwarze Kreuz auf weißem Grund verweist auf den „heiligen“ Krieg fürs Vaterland; es steht zugleich aber auch symbolisch für den drohenden Tod auf dem Schlachtfeld. Die Nutzung von Eisen anstelle des traditionellen Goldes bzw. Silbers verweist auf den hohen Symbolwert des Ordens bei gleichzeitig niedrigem Materialwert etc. Im Sinne eines SFBs zu Phänomenen, Praktiken und Darstellungen von Heimat(en) als weitaus interessanter erweist sich aber eine Analyse der zeitgenössischen sozialen Beziehungen, in denen das Eiserne Kreuz als Objekt praktisch wie symbolisch genutzt wurde. 

Das Foto zeigt ein im Ersten Weltkrieg verliehenes „Eisernes Kreuz“ II. Klasse mit der Jahreszahl der „Stiftung“ 1914 an einem schwarz-weißen Band. Das Foto entstammt der Sammlung Wikimedia Commons „Iron Cross“.

Für die Heimat und das Vaterland

Mit dem kämpferischen Einsatz für das Vaterland rückt so schlussendlich der Heimatbezug in den Fokus der Aufmerksamkeit. Das dem Objekt innewohnende Potenzial kann hier ebenfalls nur angerissen werden: Militärische Auszeichnungen wurden in der Regel nicht in der Heimat selbst, sondern für die bzw. den Schutz der Heimat und damit „in der Fremde“ erworben. Die Ausgezeichneten trugen zudem kein individuell ausgewähltes Stück ihrer Heimat mit sich, sondern „nur“ ein Symbol für Heimat, die hier eindeutig als Vaterland und damit als Nation konnotiert ist. Auch wenn einige martialische literarische Zeugnisse des Ersten Weltkrieg den „Krieg als Heimat“ als eine weitere mögliche Lesart nahezulegen scheinen, so thematisieren militärische Orden in der Hauptsache die äußerst vielfältigen Formen des Heimatverlustes: Zum einen als eine sehr reale temporäre Abwesenheit von der Heimat im Fronteinsatz in einer erzwungenen und nicht selbst gewählten Fremde, zum anderen als den stets drohenden Gebiets- und damit auch Heimatverlust durch gegnerische Landgewinne oder durch bzw. nach einer endgültigen Kriegsniederlage. 

Ein Eisernes Kreuz als Objekt in einem Heimatmuseum verweist somit eher indirekt auf Aspekte von Heimat(en) – vor allem auf dem Umweg der lokalen Zugehörigkeit der jeweiligen Träger der Orden. Gleichzeitig wird durch die (posthume) öffentliche Präsentation lokale oder regionale Heimat eng(er) mit den Zeitläuften der „großen“ nationalen Geschichte verknüpft indem Personen und Geschichten „vor Ort“ in ein positives Verhältnis zur jeweils dominanten Meisterzählung gesetzt werden. Insgesamt wird am Beispiel des Eisernen Kreuzes deutlich, dass erst eine doppelte Objektbiografie, zum einen des materiellen Objekts selbst, zum anderen der mit diesem Objekt verbundenen subjektiven Aspekte, dessen vielfältige Heimatbezüge aufscheinen lässt. Vor allem die Analyse der engen Verbindung zwischen dem materiellen Objekt und den mit ihm verwobenen Geschichten und Erzählebenen trägt dazu bei, die objektspezifischen Manifestation(en) von Heimat(en) herauszuarbeiten, die dann auf den übergeordneten Ebenen, das heißt sowohl im Teilprojekt als auch im SFB, produktiv nutzbar gemacht werden können. 

Literaturhinweise

Heyde, Friedhelm (1980): Das Eiserne Kreuz 1813. 1870. 1914. Osnabrück: Biblio Verlag. (Monographien zur Numismatik und Ordenskunde 1, Teil C).
Hughes, Michael (2023): The Anarchy of Nazi Memorabilia. From Things of Tyranny to Troubled Treasure. London: Routledge. (Material Culture and Modern Conflict).
Schulze-Wegener, Guntram (2021): Das Eiserne Kreuz in der deutschen Geschichte. Graz: Ares Verlag.
Thomas, Tanja u. Fabian Virchow (Hg.) (2006): Banal Militarism. Zur Veralltäglichung des Militärischen im Zivilen. Bielefeld: transricpt. (Cultural Studies 13).
Winkle, Ralph (2007): Der Dank des Vaterlandes. Ein Symbolgeschichte des Eisernen Kreuzes 1914 bis 1936. Essen: Klartext.

 

Kommentar von Joachim Brenner, TP C02

Das Beispiel des „Eisernen Kreuzes“ verweist auf die lange Geschichte der politischen Vereinnahmung von Heimat im Namen von Staat und Nation. Heimat wird hier expressis verbis zum Kampfbegriff. Der Heimatbezug des Objektes wird erst durch seine historische und lokale Kontextualisierung im Museum deutlich und ist durchzogen von einer dialektischen Spannung. Das „Eiserne Kreuz“ steht für die Verteidigung des Eigenen, erworben durch Taten in der Fremde. Neben zahlreichen Alltagsgegenständen ausgestellt, erhält der Orden des Heidelberger Soldaten im Museum eine konkrete lokale Verortung und steht zugleich für ein Abstraktum, das Heimat mit der nationalistischen Idee des Vaterlandes gleichsetzt. Das „Eiserne Kreuz“ wird als persönliche Auszeichnung ausgestellt und verkörpert dennoch kollektive Anonymität. Das ohne persönliche Gravur verliehene Abzeichen ist auch Symbol für die vielen Namenlosen in Uniform, deren individuelles Recht auf Leben im Namen der Heimat negiert wurde. Spannungen mit denen das Artefakt über das Teilprojekt C01 hinausweist. Es stellt Fragen nach der politischen Dimension und Widersprüchlichkeit von Heimat und verweist auf Wandel und Irritation im deutschen Begriffsverständnis hin. Während die Gleichsetzung von Heimat und Vaterland 1914 omnipräsent war und fraglos schien, waren nach dem Zweiten Weltkrieg Kinder und Jugendliche dazu aufgefordert in Schulaufsätzen zu reflektieren, was dieses Vaterland eigentlich sei bzw. sein sollte (Teilprojekt C02). Dabei treten sowohl Brüche als auch Kontinuitäten im Heimatdenken der Generationen zutage.