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Mascha Kaléko: Heimweh, wonach? (Anfang der 1960er Jahre/1977)

Die Dichterin Mascha Kaléko ist Chronistin des Berliner Alltaglebens der Zwischenkriegszeit. Nachdem die Nationalsozialisten sie aus ihrer Stadt vertreiben, wird die Sehnsucht ihr ständiger Begleiter.

„Heimweh, wonach?“ fragt Mascha Kaléko und stellt fest: „Wenn ich Heimweh sage, sag ich Traum. / Denn die alte Heimat gibt es kaum.“ Aus den ersten beiden Zeilen ihres Gedichts spricht die Sehnsucht nach einer Heimat, die leicht ist wie ein schöner Traum und zugleich der deutliche Zweifel daran, dass diese ersehnte heile Heimatwelt in der Vollkommenheit, in der sie erinnert wird, jemals Wirklichkeit gewesen sein kann. Wonach hat man eigentlich Heimweh, wenn die erinnerte Heimat doch so nie existierte? Die Worte machen die so häufig gezogene Verbindung von Heimat und Heimweh mit Idealisierung und Nostalgie greifbar. Für Kaléko haben die Zeilen aber auch einen ganz realen Hintergrund: Als sie das Gedicht Anfang der 1960er Jahre schreibt, gibt es ihre alte Heimat tatsächlich nicht mehr.

Örtlich-zeitlich-soziale Heimatkonturen

Kaléko, 1910 in einer jüdisch-galizischen Familie in Chrzanów geboren, emigriert mit ihren Eltern und der Schwester als Kind zunächst nach Frankfurt am Main und Marburg. Ab 1918 lebt die Familie in Berlin. In den 1920er Jahren beginnt Kaléko, Gedichte zu veröffentlichen. Während des Nationalsozialismus muss sie aus Deutschland fliehen.

Im Gedicht „Minetta Street“, das sie im Exil verfasst, schreibt sie „Mein Heimweh heißt Savignyplatz“ und verankert ihre Heimat damit örtlich rund um den Charlottenburger Platz in Berlin. Auch die zeitliche Dimension spielt für Kalékos Heimat eine Rolle: Die 1920er und frühen 1930er Jahre, in denen sie ihre ersten literarischen Erfolge feiert, wird sie später als „die paar leuchtenden Jahre“ bezeichnen. Kalékos Heimat in Berlin hat zudem eine soziale Dimension. Dazu gehört der Austausch mit der Berliner Künstler*innen- und Literat*innen-Welt, unter anderem im Romanischen Café in Berlin-Charlottenburg. Der Nationalsozialismus zerstört diese spezifische Heimat: Das künstlerisch-literarische Berlin der Zwischenkriegszeit wird verdrängt; viele der Menschen, die es prägen, fliehen aus Berlin oder werden verfolgt, inhaftiert und ermordet; der Großteil der Häuser – auch das ehemalige Romanische Café – werden zerschossen und zerbombt.

Kaléko kann im November 1938 gemeinsam mit ihrem Mann und ihrem Sohn über Paris nach New York emigrieren. Fortan wird das Heimweh nach ihrem Berlin ihr ständiger Begleiter: „Wenn ich Heimweh sage, mein ich viel: / Was uns lange drückte im Exil.“ In ihre Gedichte, die bis zur Flucht aus Deutschland eher einen sachlich-ironischen Ton haben, mischen sich nun melancholischere Noten. Sie setzt sich intensiv mit ihrer Sehnsucht nach der spezifischen, örtlich-zeitlich-sozial definierten, verlorenen Heimat auseinander. Gleichzeitig artikuliert Kaléko eine deutliche Distanz und tiefe Abneigung gegenüber dem nationalsozialistischen Deutschland und den Deutschen.

Die Heimat wird zur Fremde(n)

Dies wird auch in der nächsten Gedichtzeile deutlich: „Fremde sind wir nun im Heimatort.“ Denn obwohl Kaléko nach Kriegsende mehrfach nach Berlin zurückkehrt (zuerst 1956), kann sie an das alte Heimatgefühl nicht mehr anknüpfen. Sie vermag nicht auszublenden, was nur wenige Jahre zuvor in Deutschland geschehen war und bleibt, trotz aller Begeisterung über die wiederentdeckten Orte, misstrauisch gegenüber dem Nachkriegsdeutschland und seiner Bevölkerung.

Aber es ist nicht nur ihre Distanz zu Deutschland im Bewusstsein der historischen Ereignisse, die sie zur Fremden im Heimatort werden lässt, man behandelt sie auch als nicht mehr zugehörig. 1959 für den Fontane-Preis der Berliner Akademie der Künste (AdK) nominiert, beschwert sie sich, dass mit Hans Egon Holthusen ein ehemaliges SS-Mitglied Direktor der Abteilung für Dichtung und Jury-Mitglied ist. Bei einer anschließenden Aussprache wirft ihr Herbert von Buttlar, Generaldirektor der AdK, vor: „Wenn es den Emigranten nicht gefällt, wie wir die Dinge hier handhaben, dann sollen sie doch fortbleiben!“ Der Fontane-Preis wird ihr nicht verliehen.

Das „Weh“ als Konstante

Macha Kaléko schließt ihr kurzes Gedicht mit den Zeilen „Nur das ‚Weh‘, es blieb. / Das ‚Heim‘ ist fort.“ Auf ihren Reisen nach Europa kann sie die verlorene Berliner Heimat nicht wiederfinden. In Greenwich Village, wo sie während der Zeit im New Yorker Exil lebt, fühlt sie sich zu Hause, aber eine Heimat wird ihr der Stadtteil nicht. Und auch in Jerusalem, wohin sie 1959 gemeinsam mit ihrem Ehemann übersiedelt, fühlt sich Kaléko fremd. Von ihrer Sprachheimat – die für sie die deutsche Sprache, in der sie ihre Gedichte verfasst, bleibt – ist sie abgeschnitten. Sie spricht nur gebrochen hebräisch und hat nur wenige Freund*innen und Bekannte in ihrer Nähe. Das „Weh“ aber, die Sehnsucht nach ihrer persönlichen, örtlich-zeitlich-sozial konturierten Heimat und dem damit verbundenen Gefühl von Zugehörigkeit, das ihr durch die Nationalsozialisten genommen wurde, begleitet sie bis an ihr Lebensende.

Heidelberg im Januar 2026
Malin Martin, TP C01

Mascha Kaléko: Heimweh, wonach? Vollständiges Gedicht

Im Text verwendete Quellen:
Jutta Rosenkranz, Mascha Kaléko. Biografie, München 2007.
Jutta Rosenkranz (Hg.), Mascha Kaléko. Sämtliche Werke und Briefe in vier Bänden, München 2012.
Volker Weidermann, Wenn ich eine Wolke wäre. Mascha Kaléko und die Reise ihres Lebens, Köln 2025.